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Viagra Wie Impotenz ihren Schrecken verlor
Das Blaue Wunder
In der Hollywood-Firma „Maverick Films“ – Besitzerin: Madonna – wird derzeit fieberhaft am Drehbuch für eine Komödie gefeilt. Gesucht wurde ein Thema mit weltweitem Massen-Appeal. Gefunden wurde, nun, die irische Kleinstadt Ringaskiddy. Die kennt nun zwar außerhalb Irlands kein Mensch, aber die Legende will es, dass die Männer des Städtchens seit einigen Jahren großartige Nachreden als sexuelle Parade-Athleten mit exzellenten Steherqualitäten genießen. Der kolportierte Grund: eine vom Konzern Pfizer in Ringaskiddy etablierte Fabrik, in der die aktive Ingredienz für jene kleinen blauen Pillen gegen die Impotenz produziert wird, die der Rest der Welt als „Viagra“ kennt.Schwer zu sagen, wie – und ob überhaupt – das blaue Wunder über die Männer von Ringaskiddy kommt, aber laut dem Drehbuch mit dem provisorischen Titel „Something In the Air“ soll dies durch ungeplante Emissionen passieren, die den Bürgern des Ortes dann einige nette „Probleme“ bereiten, die eine weltweite anonyme Millionenschaft von Männern eigentlich auch ganz gern hätte. Der Film soll 2004 spruchreif werden.
Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass Viagra (eigentlich: Sildenafil-citrat) erst seit fünf Jahren unter uns ist. Von Pfizer als orale Behandlung für erektile Dysfunktion entwickelt, kam es in den USA im März 1998 auf den Markt, in Europa ein halbes Jahr später, und mittler Weile noch in 119 weiteren Ländern des Planeten. Der imposante Siegeszug der blauen Pille ist heute unter anderem auch in Zahlen nachzuvollziehen: Bislang wurden eine Milliarde Viagra-Tabletten verkauft, Tendenz um weltweite neun Tabletten pro Sekunde steigend. Mehr als 600 000 Doktoren haben bisher 133 Millionen Rezepte für über 20 Millionen Männer ausgeschrieben. Das machte unterm Strich aus Viagra einen der best-erkannten pharmazeutischen Brands unter Konsumenten. Nicht schlecht für eine Pille gegen ein Leiden, das zuvor so gut wie kein öffentliches Profil genoss.
Tatsächlich hatten die Forscher Peter Ellis und Nick Terrett ursprünglich nicht das Problem „erektile Dysfunktion“ (ED) im Sinn, als sie in Pfizer´s England-Büro in Sandwich die Lösung „Sildenafil-citrat“ zu testen begannen. Die Droge sollte gegen Angina helfen, aber diverse „aufrichtende“ Nebenwirkungen bei Testpersonen blieben den Forschern nicht verborgen.
Weitere Testserien, fortan natürlich in Sachen Erektion, machten klar, dass mit dem Sildenafil-citrat ein selektiver Blocker gefunden war, der das Enzym Phosphodiesterase Typ 5 (PDE5) daran hinderte, das zyklische Guanosin-Monophosphat (cGMP) abzubauen. Dasselbe für Nicht-Biochemiker in simpleren Worten: Die orale Einnahme von Sildenafil-citrat trägt – bei sexueller Stimulation - zu jenem gesteigerten Blutfluss Richtung Penis bei, ohne den eine Erektion nicht machbar wäre. Und das war neu. Traditionelle Behandlungen für ED involvierten ja höchst unangenehme Sachen wie Injektionen direkt in den Penis, urethrale Zäpfchen via Penis-Spitze und sogar ein Vakuum-Gerät, mit dem das Blut sozusagen in den Penis gezwungen werden sollte. Alles nicht wirklich Dinge, die man gern im Rahmen eines Vorspiels erledigt.
Mit Viagra dagegen waren all diese Unannehmlichkeiten auf die Einnahme einer Tablette 30 bis 60 Minuten vor dem Geschlechtsverkehr reduziert. Und das besonders Aufbauende dabei war, dass Viagra funktionierte. In weltweit exerzierten klinischen Versuchen berichteten 82% der Männer nach Einnahme von 100 Milligramm Viagra von einer erheblichen Verbesserung ihrer Erektionslage. Unter stresskranken Männern mit ED erfreuten sich immerhin noch 70% einer entsprechenden Erfolgsmeldung. Für Diabetiker, deren Krankheit häufig auch die Erektionsfähigkeit trübt, gilt ähnliches.
Seit einer aktuellen Studie, in der 2600 Männer, die ursprünglich positiv auf Viagra reagierten, auch zwei bis drei Jahre später zu 96% gleich positive Ergebnisse bekundeten, gibt es auch Evidenz, dass Viagra eine Dauerlösung für das Problem „erektile Dysfunktion“ darstellt. Aber 1998, als die blaue Pille auf den Markt kam, war zunächst nur die Lösung wirklich bekannt. Das Problem war gerade mal eine Dunkelziffer. Denn Impotenz in den Zeiten vor Viagra war eines der letzten großen Tabuthemen. Was ein Mann war, der konnte bis dahin so manches zugeben. Seine Impotenz jedoch behielt er für sich. Solange er kein Mittel dagegen kannte, waren Erektionsschwierigkeiten eine Blöße, die er sich nicht leisten wollte. Das Leben war auch so hart genug.
Sensationell daher, als eine US-Umfrage im Mai ´98 – zwei Monate nach dem Marktgang Viagra´s – erstmals Licht in die einschlägige Dunkelziffer brachte. In der Studie des New England Journal of Medicine bekannten sich tatsächlich 39% der 40jährigen und älteren Amerikaner zu Problemen mit ihrer Potenz. Ein Prozentsatz, der jede graue Theorie erübrigte. Wenn die Frage war, was der Mann will, dann war die Antwort klar: Vergiss bewusstseinsverändernde Drogen. Es geht um penisverändernde Drogen. Der Mann will eine Erektion, und zwar am besten sofort.
Mit der Lösung Viagra – der erfolgreichsten pharmazeutischen Produktkampagne aller Zeiten - wurde endlich auch der Kern eines virulenten Problemes des Mannes der Jahrtausendwende mit seinem Mann-sein transparent: Die echte Erektion zur rechten Zeit ist ihm das notwendige Minimum von Männlichkeit. Die Fähigkeit, beim Sexpartner einen männlichen Eindruck zu hinterlassen, ist die heftigste Sehnsucht des Mannes. Der demonstrierte Respekt, seiner langjährigen Gattin per erigiertem Penis zu zeigen, dass er sie noch immer begehrt, ist ihm eine Lebensqualität, ohne die er nicht will. Zwar wird dieser Tage gern darüber gestritten, was denn nun wirklich „männlich“ ist. Aber der Schlaffe unter seinem Nabel verdient dieses Prädikat mit Sicherheit nicht.
Auch in Österreich hat der „Viagra-Effekt“ das Interesse – und die Gesprächsbereitschaft – der entsprechend bedienten Männer angekurbelt. Im November 03 veröffentlichte das Gallup-Institut eine Umfrage, deren Ergebnisse unterstrichen, dass Erektionsprobleme nicht nur in Amerika, sondern global Männersache sind. Laut Gallup hat bereits jeder zweite Mann in Österreich Probleme mit seiner Potenz. Als Hauptursachen wurden Stress und körperliche Erkrankung genannt, wenn man davon absieht, dass mit zunehmendem Alter das Risiko einer erektilen Dysfunktion selbstverständlich steigt. Und weltweit, so wird geschätzt, leiden 140 Millionen Männer an ED. Wirtschaftlich gesehen hat der Markt also gerade seine ersten Gehversuche hinter sich. Aber historisch gesehen gilt das auch für den ganzen vitalen Bereich der Sexualität schlechthin.
Bekanntlich wurde der Sex, wie wir ihn kennen, erst vor vier Jahrzehnten erfunden. Verantwortlich dafür war eine andere Pille - das Kontrazeptivum „Enovid 10“. Diese Anti-Baby-Pille war ab 1. Juni 1960 käuflich und genoss sofort den Ruf der „großen Befreierin“, so die Feministin Jane Knowles, weil sie Sex erstmals außerhalb der Sphären der Reproduktion möglich machte. Zuvor war Sex nicht mehr als eine eheliche Pflicht zum Zwecke des Gen-Pool-Transfers auf eine neue Generation und dass – zumindest im öffentlichen Leben – nicht mehr daraus wurde, dafür sorgte die Kirche. Aber dank Pille und der damit getriggerten „sexuellen Revolution“ etablierte sich Sex auch außerehelich und quer durch alle Generationen zur berühmten „wichtigsten Nebensache“ der Welt.
Impotenz war in diesen sexuellen „Geburts“-Jahren kein Thema. Der durchschnittliche junge Mann dachte im Schnitt alle fünf Minuten an Sex und erwachte 4,9mal die Woche mit einer morgendlichen Erektion, der 60jährige immerhin noch 1,8mal. Tagsüber verpasste er der Welt ein Wirtschaftswunder, abends begattete er eine Partnerin und die Welt schien in Ordnung, auch wenn sie im Zuge der sexuellen Aufklärung und einer Fülle „neuer“ Begriffe – Klitoris, G-Punkt, weiblicher Orgasmus, Quicky, Blowjob, etc – zusehends komplizierter wurde.
Kompliziert vor allem die Sache mit dem weiblichen Orgasmus, den sie insbesondere mit dem Aufkommen des Feminismus Mitte der 70er Jahre bei ihm sozusagen „einforderte“. Frauen wollten einen „guten Liebhaber“, verständlich, in Zeiten der Sexualität als Hobby. Das Problem des Mannes dabei war, dass er als Lover nicht gut war, wenn er seinen Orgasmus hatte, ehe sie in den Genuss des ihren gelangte. Zum Begriff „vorzeitige Ejakulation“ war es da nur noch ein Gedankenschritt. Und somit entwickelte sich denn auch ein erstes signifikantes Problem, das dem Bereich „Impotenz“ einverleibt wurde.
Nicht, dass der Mann derlei Probleme in den Jahrzehnten vor der Jahrtausendwende an die allzu große Glocke hing. Eine Thematisierung hätte, erstens, weiblicherseits nur schroffe Kommentare a la „Impotenz ist nur der Weg Gottes, dem Mann zu sagen, dass er ein lausiger Liebhaber ist“ provoziert. Zweitens waren jene Jahre – siehe „Postfeminismus“ – eine Zeit, in denen der Mann mitsamt seinen Problemen eine kommunikative Pause einlegte.
Mit männlicher Brille betrachtet war das letzte viertel Jahrhundert des vergangenen Jahrtausends alles andere als „seine“ Zeit. Am Arbeitsmarkt war es eng geworden, weil Frauen am Computer mindestens ebenso geschickt waren wie er. Traditionelle Männerbilder wollten nicht mehr so recht zu ihm passen, taufrische Modelle – Softie, neuer Mann, neuer Vater, der Metrosexuelle etc – trugen nur zur allgemeinen maskulinen Verunsicherung bei. Der Rest war Schweigen und Sex & the City. Kurz: Noch Ende 60 hatte er auf dem Mond einen kleinen Schritt vollbracht, den die Menschheit als riesig verbuchte. Aber anno ´98 hatte der Mann sein Image als Auslaufmodell weg, mit angeschlagener Identität und einem Nutzwert von der untersten Schublade. „Den Männern“, meinte damals sogar die englische Altfeministin Fay Weldon, „geht es heute wie den Frauen vor 25 Jahren. Sie werden so permanent insultiert, dass es ihnen nicht mehr auffällt.“
Und dann kam Viagra.
Natürlich, im Nachhinein leuchtet alles das gewisse Etwas mehr ein. Letztendlich wird ja immer nach vorne gelebt und erst im Rückblick verstanden. Und letztlich ist jeder Mann nur so stark wie sein schwächstes Glied. Dass sich all seine gelebten, verschwiegenen und verdrängten Dramen schließlich auch dort in Form von Funktionsstörungen niederschlagen, hat eine gewisse innere Logik. Klar, so mancher Fall von Impotenz hat simple organische Ursachen wie Diabetes oder Gefäßverengung. Aber der Löwenanteil des Phänomens der erektilen Dysfunktion beim modernen Mann wird von seiner Psyche gespeist. Und die Ursachen sind weitaus nicht immer, aber auch, sexueller Natur.
Wie ausgesprochen paradox gerade das männliche Instrument zum Zwecke der Fortpflanzung in Zeiten der sexuellen Befreiung reagieren kann, hat ja schon eine berühmte Anekdote von und mit Marilyn Monroe illustriert. „Selten, aber doch“, gestand sie einst tränenerstickt dem Hollywood-Reporter Vernon Scott, „treffe ich einen wirklich netten Kerl. Wir nehmen ein paar Drinks und gehen zu Bett. Und dann sehe ich in seine Augen und kann seine Gedanken lesen: Ò mein Gott, ich bums jetzt die Monroe´. Und dann kriegt er keinen hoch!“ Ja, das Schicksal ist manchmal grausam.
Sexualhistorisch gesehen ist es also höchst verständlich, dass Viagra wie ein blaues Wunder einschlug, Natürlich, die Tablette liefert präsentiert keine Erklärung für das Phänomen ED. Aber wie gesagt: In Zeiten wie diesen will der Mann zunächst mal keine Erklärung. Er will eine Erektion. Das reicht vorerst.
„Praktisch über Nacht“, meint die australische Sex-Therapeutin Dr Rosie King, „entwickelte sich Viagra zum Haushaltsnamen und trug zu einem global gesteigerten Bewusstsein in Sachen erektiler Dysfunktion bei. Durch die Verfügbarkeit sind Männer heute weit eher zum Gang zu ihrem Doktor bereit als früher.“ Das ist immerhin ein erster positiver Schritt. Ein notwendiger Schritt, denn ED ist eines der großen Gesundheitsprobleme des Mannes von heute. Und ein gesundes Sexualleben die ideale Basis für eine Lebensqualität, auf die er (ihm) steht.
aus www.diabetes-austria.com |
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